Der Weg ist das Ziel: 8.000 Kilometer im Roadster

Ein Blick nach schräg links über den Gartenzaun. In sattem Rot grinst mir der Wagen entgegen. Ein Blick nach oben: Dort leuchtet ein tiefes Blau. Die Reiseausrüstung liegt immer griffbereit. Mit wenigen Handgriffen ist alles verstaut und ein ganzes Bündel an Straßenkarten wartet darauf benutzt zu werden. Dann die Frage: Wohin geht es eigentlich? Fragende Antwort: Provence?, Toskana?, Nordspanien?. Schnell steht der Entschluss, dass es in den Süden gehen soll. Wo fängt eigentlich der Süden an? Also ich denke vermutlich wenige Meter hinter der Garagenausfahrt und spätestens hinter der nächsten Kurve in Richtung Spanien.

 

Das aluminiumfarben schimmernde Gaspedal giert danach die Drehzahlen in schwindelnde Höhen zu treiben. Ich fühle an den Handinnenflächen die Nähte des Lederlenkrads, der Wind fegt durch die Haare und ich spüre die Vibrationen des Motors am metallenen Knauf des Schaltgetriebes. In schneller Fahrt treibt es die Reisenden in Richtung Süden. Vorbei an der Eifel, Luxemburg, quer durch die Ardennen, über die Rhone durch den Verkehrsstau von Lyon, das Massiv Central bis zu den Pyrenäen. Die ersten 1500 Kilometer – davon der Großteil Landstraße liegen hinter uns und wir machen es uns auf den Klippen der Steilküste hoch über den uralten Fischerdörfern der französischen Pyrenäen wohnlich. Unsere Bleibe ist ein Expeditionszelt eines bekannten Ausrüsters für Extremtouren – mittlerweile urlaubserprobt unter allen Bedingungen in ganz Europa. Vorteil dieser Konstruktion: Bei einer Spontantour quer durch Europa bliebt keine Zeit zur Suche nach dem passenden Hotel. Da werden Kilometer gefressen und Straßenstaub geschluckt bis einen die Nacht einholt und man erschöpft irgendwo auf dem Weg in sein Zelt kriecht. Selbst fernab des üblichen Campertreibens hoch über dem Meer auf einer Klippe bei Windstärken die sich in Orkannähe bewegen, lässt es sich darin vorzüglich leben. Die Windgeräusche nimmt man nach 1500 Kilometer mit offenem Verdeck eh nicht mehr wahr und so schlummert man tief und friedlich dem nächsten Roadstertag entgegen.

 

In hunderten Kehren und Biegungen schraubt sich die Küstenstraße am südlichsten Rand der Pyrenäen entlang. Hinter jeder Kurve wartet eine Überraschung und die spanische Grenze ist schneller erreicht als man denkt.

 

Vorbei an den malerischen Buchten und Klippen der Costa Brava bahnt sich der Roadster seinen Weg bis nach Barcelona. Nach einem Abstecher ins Landesinnere steht natürlich auch die Stadt mit Ihren Sehenswürdigkeiten und der weltberühmten Kathedrale auf dem Programm.

 

Vorbei an den Bettenburgen der Costa Dorada erreichen wir am nächsten Tag das Ebro Delta – eines der größten spanischen Naturschutzgebiete und Rückzugsgebiet für viele seltene Vögel und Amphibienarten. Der Endpunkt der dritten Tagesetappe liegt jedoch einige hundert staubige Landstraßenkilometer weiter südlich im Hinterland der besonders reizvollen Costa Blanca. Zwischen Gandia im Norden und Alikante im Süden erstrecken sich zwischen Orangenplantagen, Feigenbäumen und Olivenhainen die sonnenverwöhnten strahlend weißen Kiesstrände der weißen Küste. Besonders sehenswert sind neben dem Hinterland mit seinen genial verwinkelten und extrem serpentinreichen Gebirgsstraßen die alte maurische Stadt Altea, sowie Alikante mit seiner Festung und für heiße südländische Partynächte die pulsierende Küstenstadt Benidorm. Wo heute ein spanisches Manhatten steht, war noch in den späten 60er Jahren ein kleines Fischerdorf. Mit diesem schockierend-faszinierenden Gedanken im Hinterkopf stürzen wir uns ins Nachleben.

 

On the road again: Nach zwei Tagen an der Costa Blanca und in den Bergen steht heute die Wüste von Almeria auf dem Programm. Im Renntempo prügeln wir den MX-5 über menschenleere Wüstenstraßen, vorbei an ausgetrockneten Kakteen, verlassenen Dörfern, stillgelegten Erzminen und ausgetrockneten Flusstälern. Weit und breit keine Verkehrskontrolle oder Radarfalle – hier lässt es sich Roadstern und der kleine Reihenvierzylinder jubelt in höchsten Drehzahlen.

 

Willkommen in Andalusien! Zwischen den Palmen der Alhambra von Granada, den schneebedeckten Gipfeln der Sierra Nevada und der Gluthitze von Sevilla lässt es sich vorzüglich Roadstern. Neben den historischen Städten sind es vor allem die Gebirgsregionen der Sierra Nevada mit ihren kühlen Bächen, die zum relaxen einladen. Hier liegt auch Europas höchstgelegenste Landstraße, die allerdings besser mit dem Mountainbike als mit dem Roadster zu bewältigen ist. Auf unbefestigten Wegen schlängelt sie sich von Pampaneira aus zielstrebig zum Gipfel des Mulhacén, dem mit 3500 Metern höchsten Berg der iberischen Halbinsel. Diese Strecke ist allerdings nur geübten Bikern zu empfehlen. Insgesamt sind rund 3000 Höhenmeter zu überwinden und ab einer Höhe von 2500 Metern wird der Sauerstoff etwas rar. Aber dafür entschädigt eine Schneeballschlacht in 3400 Metern Höhe mitten im spanischen Hochsommer. Mountainbikes kann man sich in den im Tal liegenden Dörfern leihen und so steht dem Spaß auf zwei Rädern nichts im Wege.

 

Über Ronda führt die Strecke weiter bis zur britischen Kronkolonie Gibraltar. Kurz nach dem Überschreiten des alten britischen Militärflughafens fühlt man sich ins angelsächsische Europa verfrachtet: Neben typisch englischen Briefkästen sind es vor allem auch die knallroten verschnörkelten Telefonzellen und die flüchtig aufgeschnappten Wortfetzen, die diesen Eindruck noch verstärken. Da die Tour ja nicht geplant ist, stellt sich am südlichsten Zipfel des westlichen Europas sich die Frage nach der weiteren Tourenplanung. Marokko geht ohne Reisepass leider nicht – also in Richtung Norden dem atlantisch geprägten Portugal entgegen. Wohin auch sonst, denn zurück ist langweilig. Schnell kommt der Gedanke an eine Umrundung der iberischen Halbinsel auf. Mal sehen, ob die 14 Tage Urlaub dazu reichen. Doch zuvor liegt noch das Surferdorado Tarifa an der Strecke: Extrem starke Winde und eine frische Atlantikbrise beflügeln die Reiselust und führen uns noch am gleichen Tag bis ins portugiesische Faro im Herzen der Algarve. Anders als in Spanien ist Portugal weitaus weniger touristisch geprägt und hat sehr viel von seiner Ursprünglichkeit bewahren können. Jedes einzelne, der vielen zahlreichen Fischerdörfer an der Küste ist absolut sehenswert. Das Gleiche gilt für das Landesinnere mit seinen einsamen Bergtalsperren, an denen man hervorragend dem Angelsport nachgehen kann – vorausgesetzt man findet die richtigen Stellen.

 

Tief im Westen erheben sich rund um Sagres die Klippen des atlantischen Portugals. Hier, wo noch im Mittelalter die Welt zuende war herrscht die beeinduckende Weite des Ozeans. Steile Klippen umspült von tosenden, meterhohen Wellen, kilometerlange menschenleere Sandstrände, eine sehr artenreiche Tier und Pflanzenwelt und malerische Fischerdörfer – es gibt kaum einen Landstrich in Südeuropa der so ursprünglich ist.

 

Südländisches Leben, der Charme einer Fischerstadt und das Flair einer Metropole – das ist Lissabon. Kaum ist die filigrane Hängeseilbrücke im Hafen passiert, erschließt sich dem Reisenden diese faszinierende Stadt in allen Facetten. Edle Einkaufstraßen wechseln mit kleinen verwinkelten Gassen. Die hoch über der Stadt liegende Festung lädt ein zu einem grandiosen Sonnenuntergang und die vielen kleinen Restaurants bieten verlockende Gaumenfreuden. Es gibt kaum einen Ort auf dieser Reise, der so viele Eindrücke bündelt wie Lissabon.

 

Langsam neigt sich der Urlaub dem Ende und rund 3500 Kilometer Rückreise liegen vor uns. Doch zuvor statten wir der niedlichen Stadt Evora mitten im portugiesischen Hinterland einen Besuch ab. Inmitten der staubigen Felder und sengenden Hitze stoßen wir auf die Überreste steinzeitlicher Kultstädten. Beeindruckt stehen wir vor dem größten steinzeitlichen Monument Südeuropas.

 

Auch wenn der Stauraum im Gepäckabteil des MX-5 sehr stark eingeschränkt ist und kaum die Urlaubsausrüstung mit Zelt zu fassen vermag, ist zum Ende des Reise eine ausgedehnte Shoppingtour durch die Prunkstraßen von Madrid ein absolutes Muss. Die spanische Hauptstadt steht in dem Ruf eine Modehochburg zu sein und wartet mit kilometerlangen Shoppingmeilen und feinsten Restaurants auf.

 

Mitten im Madrid, unweit der des Schlossanlage von El Escordial, dann die entscheidende Frage: Eigentlich wollten wir ja nach Nordspanien – wieso sind wir jetzt hier gelandet? Egal. Die Hauptsache Kurven, Sonne und Entdeckungen bis zur Reizüberflutung und dann abends todmüde ins Zelt fallen, um sich am nächsten Morgen den wohlverdienten Kurven-Kick zu holen. Die 2000 Kilometer lange Rückreise erfolgte nonstop, überwiegend über Landstraßen und dauerte mehr als 30 Stunden. Macht Reisen süchtig? Vielleicht schon. Zumindest bietet ein solcher „Speedurlaub“ neben einer gehörigen Suchtgefahr eine ungeheure Fülle an Eindrücken in kürzester Zeit und die 8000 Kilometer in 14 Tagen wirken wie eine mindestens einjährige Weltreise.

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